Die Teammitglieder und der Projektleiter standen am Stehtisch im ehemaligen Raucherzimmer. Gleich um die Ecke auf dem Flur schnurrte ein JURA-Vollautomat und spendierte jedem Mitarbeiter, der seine Tasse unter die chromblitzenden Düsen stellte, einen aromatischen Kaffee.
„Wir wissen doch gar nicht, was genau zu tun ist“, rief ein Entwickler mitten in die Diskussion. „Lass uns loslegen, wir werden schon sehen“, schallte es vom anderen Ende des Tisches. „Das ist agiles Arbeiten“, tönte der nächste und schaute grinsend in die Runde.
Alle nickten, keiner zuckte mit der Wimper, niemand empfand die Vorschläge als chaotisch. Doch das Team lief Gefahr, in einen Zug mit unbekanntem Ziel einzusteigen. Kann seine Vorgehensweise als agil bezeichnet werden? Bedeutet agil, auf Zuruf zu arbeiten ohne Struktur und ohne Plan?
Ein Blick in das Agile Manifest hilft, diese Fragen zu beantworten. Denn in ihm beschrieben siebzehn Autoren Wertesystem und Prinzipien des agilen Arbeitens.
Während die Bibel der Agilisten den Kulturkreis auffächerte, lieferten die beiden Verfasser des Scrum Guide einen Leitfaden für den Praktiker, in dem sie Rollen, Vorgehensmodell und Hilfsmittel beschrieben.
Aus der Sicht des agilen Arbeiters zeigt sich das Agile Manifest wie eine Geisteshaltung, das Innere, und der Scrum Guide wie der Körper, das Äußere, des agilen Vorgehensmodells. Agiles Manifest und Scrum Guide gehören zusammen, und Product Owner, Scrum Master und Entwicklerteam liefern – im hybriden Vorgehensmodell dem Projektleiter – philosophisches Geländer, Motivation und Ermessensspielraum zugleich, um ihre Projektziele zu erreichen.
Agiles Manifest und Scrum Guide verfolgen das Ziel, den Gedanken des agilen Arbeitens zu beschreiben, denn Agilität ist eher als Philosophie moderner Projektteams zu sehen als eine Methode, bei der es gilt, einzelne Prozessschritte als erledigt abzuhaken.
Im Februar 2001 entstand das Agile Manifest, geschrieben von siebzehn IT-Spezialisten, die aus den Fachbereichen Extreme Programming, SCRUM, DSDM, Adaptive Software Development, Crystal, Feature-Driven Development und Pragmatic Programming stammten.
Zu diesem Zeitpunkt adressierte das Agile Manifest seine Botschaften vorrangig an Softwareentwickler. Doch längst sind seine Gedanken in andere Unternehmen, andere Branchen und Projekte aller Art und Größe eingedrungen, und die vier Grundwerte, die seinerzeit aufgeschrieben wurden, sind über die Grenzen der Softwarebranche hinaus relevant.
4 Grundwerte des Agilen Manifests
Die vier Grundwerte des agilen Manifestes sind:
Die Autoren des Agilen Manifestes finden die Werte, wie sie auf der rechten Seite beschrieben sind, zwar wichtig, jedoch schätzen sie die auf der linken Seite höher ein.
Es wäre falsch zu sagen, dass in agilen Projekten keine Analyse, keine Planung, keine Dokumentation oder kein Reporting erfolgt und der Ablauf chaotisch ist. Natürlich steht das zeitnahe und flexible Reagieren auf Kundenwünsche im Vordergrund.
Doch auch Scrum ist ein Prozess, welcher eine angemessene Dokumentation und ein Reporting verwendet, strukturiert vorgeht und eine lang- und kurzfristige Planung nutzt.
Regeln sind auch hier wichtig, liefern sie doch den Beteiligten Verbindlichkeit und damit Vertrauen.
Grundsätzlich adressiert das Agile Manifest die Werte
Die zwölf Prinzipien des Agilen Manifestes habe ich wie folgt zusammengefasst:
1. Kunden zufriedenstellen, indem hochwertige Software früh und stetig ausgeliefert wird
2. Veränderungen als Chance sehen, auch wenn sie erst spät im Entwicklungsverlauf erscheinen
3. Funktionsfähige Software in kurzen und zyklischen Abständen ausliefern
4. Enge Zusammenarbeit von Softwareentwicklern und Fachleuten sowie anderer Gewerke sicherstellen
5. Rahmenbedingungen schaffen, Unterstützung geben und Vertrauen schenken bei der Erledigung von Aufgaben
6. Missverständnisse vermeiden durch persönliche Kommunikation
7. Funktionsfähige Produkte und Services dienen als Maß des Fortschrittes
8. Nachhaltigkeit sichern durch gleichmäßiges Entwicklungstempo
9. Ständiges Augenmerk richten auf technische Exzellenz und gutes Design
10. „Keep it smart und simple“
11. Teams organisieren und planen eigenverantwortlich
12. Die eigene Arbeit reflektieren, aus Fehlern lernen, besser werden
Der Praktiker orientiert sich am Scrum Guide, um seinen Weg zum zufriedenen Kunden zu finden. Die aktuelle Ausgabe des Scrum Guides stammt aus dem Jahr 2020.
Auf nur 14 Seiten bieten die Autoren Ken Schwaber sowie Jeff Sutherland dem Praktiker praxisnahes Wissen, welches er sofort für seine Projektarbeit verwenden kann.
Was steht drin im agilen Ratgeber, den die Scrum-Guide-Autoren als „leichtgewichtig, einfach zu verstehen und schwierig zu meistern“ bezeichnen?
Leute, die die Zeit beim Autofahren nutzen wollen und den Scrum Guide lieber hören als lesen, nutzen die Hörbuchfassung. Das Audio Book können Sie hier runterladen.